Betendes Kind
© Angelov – stock.adobe.com
Familienleben

Nahrung für die Seele

26.03.2026

Kürzlich am Frühstückstisch: „Mama, weißt du, warum ich immer so viel esse? Ich will groß und stark werden! – Schau mal, wie stark ich schon bin!“. Meine Tochter spannt ihre Armmuskeln an, bis sie zittern. „Wow, so stark!“, staune ich und freue mich mit ihr über ihre Kraft, Energie und Lebensfreude. 

Recht hat sie: gute Ernährung samt viel Bewegung – am besten an der frischen Luft, sind wichtig, um gesund groß zu werden. Aber ebenso wichtig finde ich Nahrung für die Seele: Geschichten, Lieder, Worte und Gewohnheiten – in der Kirche sagen wir Rituale –, die auf eine andere Art stark machen und Halt geben. In guten und schweren Zeiten, in Gesundheit und Krankheit. Denn beides gehört zum Leben dazu: man kann sich noch so gut ernähren und ausreichend bewegen – eine Garantie, dass man dadurch gesund und lange lebt, die gibt es nicht. 

Glaube und Dankbarkeit geben Halt

Letzte Woche wurde ich zu einer Sterbebegleitung gerufen. Die Frau konnte kaum noch sprechen, ich habe ihre Hand gehalten, wir haben gebetet. Und plötzlich hat sie mit brüchiger Stimme und Tränen in den Augen angefangen zu singen: „Großer Gott, wir loben dich“. Ein altes Kirchenlied, das sie als junges Mädchen gelernt und das sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat. Und man konnte sehen und spüren, wie sie beim Singen langsam immer ruhiger wurde. Vielleicht hat Jesus das gemeint, als er sagte: „Sammelt euch Schätze im Himmel, die unvergänglich sind!“ 

Es gibt Situationen im Leben, da helfen starke Muskeln nur begrenzt. Doch zum Glück haben wir nicht nur die Muskeln am Körper. Sondern auch so etwas wie mentale oder spirituelle Muskeln. Die heißen zum Beispiel Dankbarkeit, Mut, Zuversicht, Selbstliebe und Gottvertrauen. Und auch die lassen sich trainieren. 

„Mama, ich will groß und stark werden!“. Darum achte ich nicht nur auf gesunde Ernährung und viel Bewegung, sondern auch auf Nahrung für die Seele: Geschichten, Lieder, Worte und Rituale, die zeigen: Du bist gewollt, du bist geliebt, du bist wunderbar gemacht, du wirst gehört, darfst Fehler machen, Nein sagen und für deine Bedürfnisse einstehen. Und ich hoffe, dass ein wenig davon bleibt und trägt und Halt gibt im Leben und im Sterben.

Janina Franz ist Pfarrerin der Ev. Gesamtkirchengemeinde Gießen Ost und dort u.a. für die Arbeit mit Kinder und Familien und die beiden Familienzentren zuständig.
www.giessen-ost.de

Anzeige
Platzhalter-Anzeige
Anzeige
Platzhalter-Anzeige
Webdesign von