Ein weiblicher Teenager sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa und schaut genervt auf sein Smartphone
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Familienleben

Mut zur Unvollkommenheit

21.06.2025

Neulich war ich zu Besuch bei meiner Freundin, als deren 13-jährige Tochter plötzlich in Tränen aufgelöst vor uns stand. „Alle waren beim See, nur ich nicht“, schluchzte sie und zeigte mir die Instagram-Stories. Was ich sah, waren perfekt inszenierte Momente. Was sie fühlte, war die moderne Variante einer uralten Angst: etwas zu verpassen. FOMO (Fear of Missing Out).

Unsere Kinder wachsen in einer Zeit auf, in der das Smartphone ihr ständiger Begleiter ist. Social Media-Plattformen sind nicht nur Kommunikationswege, sondern soziale Arenen, in denen Anerkennung durch Likes gemessen wird und perfekte Selbstdarstellung zum Standard geworden ist. Was dabei oft auf der Strecke bleibt, ist die Erkenntnis, dass diese Perfektion eine gefilterte Illusion ist. Diese kuratierte Realität setzt unsere Kinder unter enormen Druck. Sie vergleichen ihr ungefiltertes Leben und kommen zwangsläufig zu dem Schluss: „Bei allen anderen läuft es besser.“

Jetzt könnte man darüber schreiben, was Kinder wirklich brauchen und wie man scheinbar perfekte Posts analysiert. Aber Hand aufs Herz: Ist es nicht eher so, dass wir Eltern selbst in der Perfektionismusfalle stecken?! Haben Eltern nicht oftmals selbst unrealistisch hohe Ansprüche? Und wird damit nicht der hausgemachte Leistungsdruck auf unsere Kinder übertragen?

Ich ertappe mich dabei, wie ich das aufgeräumte Wohnzimmer für einen Beitrag fotografiere – aber den Chaos-Berg im Arbeitszimmer geschickt ausblende. Ich schiele auf Instagram-Accounts anderer Mütter, andere wiederum beneiden mich um mein Leben im perfekten Chaos: liebenswert, kunterbunt und nie langweilig …

Wenn wir uns also selbst ständig mit anderen vergleichen, statt zufrieden zu sein, wie sollen unsere Kinder dann Selbstakzeptanz lernen und Selbstbewusstsein entwickeln? Es gibt immer welche, die besser sind! In einer Welt, die ständige Bestleistungen erwartet, brauchen unsere Kinder vor allem authentische Eltern, die eigene Fehler zugeben und zeigen, dass Scheitern zum Leben gehört. Die bewusst unvollkommenen Momente aushalten, ohne sich selbst mit anderen zu messen. Unsere wichtigste Aufgabe als Eltern ist vielleicht, den Mut zu finden, unser unperfektes Familienleben nicht nur zu akzeptieren, sondern tatsächlich zu leben – offline wie online. Schließlich sind wir Menschen und keine Maschinen.

Ilona Einwohlt

Autorin:
Ilona Einwohlt ist Autorin und Bildungsreferentin beim MuK (Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e.V.) mit den  Schwerpunkthemen Kinder- und Jugendkultur, digitale Lebenswelten und Mädchenbildung.
www.muk-hessen.de

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