
Sätze wie diesen haben wir alle schon einmal benutzt. Doch was bedeutet es eigentlich, sich wirklich zu konzentrieren?
Wenn wir uns konzentrieren, richten wir unsere ganze Aufmerksamkeit für eine bestimmte Zeit auf eine Sache – alles andere blenden wir möglichst aus. Wir können uns diesen Fokus wie das Licht einer Taschenlampe vorstellen. Diesen Lichtstrahl können wir auf eine bestimmte Stelle richten, während der Rest gerade weniger Beachtung bekommt.
Das Problem? Unser Gehirn ist eigentlich gar nicht darauf ausgelegt, über lange Zeit nur eine einzige Sache im Blick zu behalten. Stellen Sie sich vor, unsere Vorfahren hätten sich beim Beerensammeln oder Feuermachen so sehr auf ihre Aufgabe konzentriert, dass sie alles um sich herum ignoriert hätten. Der Säbelzahntiger hätte leichtes Spiel gehabt! Es war also überlebenswichtig, die Umgebung immer wieder im Blick zu behalten – und diese Fähigkeit steckt auch heute noch in uns.
Konzentrationsräuber
Heute gibt es zwar keine wilden Tiere mehr, die uns beim Lernen gefährlich werden. Dafür gibt es jede Menge andere Ablenkungen: Das Handy, das vibrierend nach Aufmerksamkeit schreit. Die Schwester, die im Nachbarzimmer laut Musik hört. Der Klassenchat, der ununterbrochen blinkt.
Diese „Konzentrationsräuber“ gilt es aufzuspüren und möglichst aus dem Weg zu räumen. Wenn das Spielzeug neben dem Schreibtisch ablenkt, kann es vor den Hausaufgaben weggeräumt werden. Die Schwester mit der lauten Musik kann vielleicht gebeten werden, während der Lernzeit Kopfhörer zu benutzen. Und das Handy? Das darf ruhig einmal Pause machen.
Doch einer der größten Konzentrationsräuber ist gar nicht irgendwo im Zimmer zu finden. Er sitzt in unserem eigenen Kopf. Während wir uns eigentlich auf eine Aufgabe konzentrieren wollen, tauchen plötzlich andere Gedanken auf: Wann war nochmal der Termin für das nächste Fußballturnier? Ich muss für Sofia noch ein Geschenk besorgen. Habe ich morgen eigentlich Vokabeltest? Solche Gedanken sind völlig normal. Das Problem ist nur: Unser Gehirn möchte sich gern um diese Dinge kümmern – und schon sind wir mit den Gedanken ganz woanders.
Der Gedankenparkplatz
Hier kommt der Gedankenparkplatz ins Spiel. Basteln Sie mit Ihrem Kind eine kleine Box oder einen Karton. Ihr Kind darf diesen ganz nach seinem Geschmack gestalten. Stellen Sie ihn anschließend an den Lernplatz. Immer wenn während des Lernens ein anderer Gedanke auftaucht, schreibt Ihr Kind ihn kurz auf einen Zettel und legt ihn in die Box. Damit ist der Gedanke nicht vergessen – aber er muss sich auch nicht weiter im Kopf herumdrehen. Nach dem Lernen ist Zeit für den Gedankenparkplatz: Was steht auf den Zetteln? Um was können wir uns jetzt kümmern?
Noch besser: Machen Sie aus dem Gedankenparkplatz einen Handy- und Gedankenparkplatz. Ihr Kind schaut vor dem Lernen ein letztes Mal auf sein Handy und legt es anschließend – mit dem Display nach unten und dem Ton aus – ebenfalls auf den Parkplatz. So werden gleich zwei große Konzentrationsräuber aus dem Weg geräumt.
Manchmal geht es bei Konzentration also gar nicht darum, sich mehr anzustrengen. Sondern darum, dem Gehirn möglichst wenig Gründe zu geben, woanders hinzuwandern.
Konzentration braucht Pausen
Wissen Sie, wie lange sich Ihr Kind konzentrieren kann? Eine feste Zahl gibt es darauf nicht. Die Konzentrationsfähigkeit hängt unter anderem vom Alter, von der Aufgabe, vom Interesse und natürlich auch von der Tagesform ab. Ein Kind kann sich bei einer spannenden Aufgabe vielleicht deutlich länger konzentrieren als bei einer Aufgabe, die ihm schwerfällt oder die es langweilig findet.
Deshalb lohnt es sich, weniger auf die Uhr und mehr auf das Kind zu schauen. Wird es zunehmend unruhig? Macht es mehr Flüchtigkeitsfehler? Schaut es immer wieder aus dem Fenster? Beginnt es, ständig etwas anderes zu suchen oder aufzustehen? Dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt für eine Pause.
Wichtig ist dabei, nicht erst zu warten, bis die Konzentration komplett verschwunden ist. Eine kurze Pause kann helfen, neue Energie zu sammeln und anschließend wieder leichter in die Aufgabe hineinzufinden. Unser Handy laden wir schließlich auch nicht erst auf, wenn es komplett ausgegangen ist.
Oft reichen schon 2 bis 3 Minuten, um kurz durchzuatmen. Während wir uns in diesen Pausen entspannen, hat unser Gehirn Zeit, das Gelernte zu verarbeiten und neue Energie zu sammeln. Damit das gut funktioniert, ist es wichtig, diese Erholungsphasen nicht zu stören. Die ideale Pause enthält Trinken, einen Snack, Bewegung oder Entspannung und vor allem frische Luft. Tabu sind hingegen alle Bildschirme – egal, ob Handy, Fernseher oder Spielekonsole.
Der richtige Lernort
Vielleicht denken Sie, dass der Schreibtisch der beste Ort zum Lernen ist. Doch das muss nicht für jedes Kind zutreffen! Manche Kinder können sich am Schreibtisch am besten konzentrieren, während andere an einem ganz anderen Ort viel effektiver lernen. Lassen Sie Ihr Kind verschiedene Lernorte ausprobieren: am Esstisch, auf dem Boden, in der Bücherei, im Park oder im Garten. Der ideale Lernort ist der, an dem sich Ihr Kind wohlfühlt und gut bei der Sache bleiben kann.
Auch bei der Geräuschkulisse gibt es unterschiedliche Vorlieben. Manche lernen besser mit Musik, andere brauchen absolute Ruhe. Auch hier dürfen Sie Ihr Kind ermuntern, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren. Meine Tochter hat zum Beispiel ihre Hausaufgaben teilweise mit Hörspielen im Hintergrund gemacht, weil sie sich so besser konzentrieren konnte. Für mich war das anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig – aber es hat funktioniert.
Und genau darum geht es. Der beste Lernort ist nicht unbedingt der, der für alle anderen funktioniert. Sondern der, an dem Ihr Kind gut lernen kann. Dabei kann sich das sogar je nach Lernstoff, Fach oder Tagesform verändern.
Konzentration trainieren
So wie Sportler regelmäßig trainieren, um stärker und ausdauernder zu werden, können auch wir unsere Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit üben. Dafür braucht es nicht unbedingt komplizierte Übungen. Manchmal reicht eine kleine Spielidee im Alltag.
Lassen Sie sich von Ihrem Kind zum Beispiel einmal rückwärts vom Tag erzählen: „Gerade esse ich Abendbrot UND DAVOR habe ich mit dem Hund gespielt UND DAVOR war ich mit Max auf dem Fußballplatz UND DAVOR habe ich meine Hausaufgaben gemacht …“ Je häufiger diese Übung gemacht wird, desto detaillierter darf erzählt werden. Dann wird aus „Ich habe Hausaufgaben gemacht“ vielleicht: „Ich habe mit Mathe aufgehört und davor habe ich den Englisch-Text gelesen und übersetzt. Und davor habe ich die Vokabeln gelernt.“
So wird aus einer kleinen Unterhaltung ganz nebenbei eine Übung für Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Und das Beste daran: Es fühlt sich überhaupt nicht nach Lernen an.
Das Fundament
Haben Sie schon einmal versucht zu lernen, wenn Sie müde waren? Oder wenn Sie gerade einen Streit oder eine Diskussion mit jemandem hatten? Vermutlich hat das nicht besonders gut geklappt.
Denn damit wir uns gut konzentrieren können, brauchen wir ein solides Fundament. Dazu gehören ausreichend Schlaf, regelmäßige Pausen, gesundes Essen, genügend Trinken, Bewegung und auch Erholung. All das schafft die Voraussetzungen dafür, dass Konzentration überhaupt gelingen kann.
Natürlich kann ein Kind auch einmal müde sein und trotzdem Hausaufgaben machen. Und natürlich wird nicht jeder Lerntag perfekt laufen. Darum geht es auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, immer wieder hinzuschauen: Was braucht mein Kind gerade, damit Konzentration leichter wird?
Vielleicht ist es ein Glas Wasser. Vielleicht fünf Minuten Bewegung. Vielleicht ein aufgeräumter Schreibtisch. Vielleicht das Handy außer Sichtweite. Vielleicht ein Gedankenparkplatz.
Und manchmal ist die Antwort auch ganz einfach: Heute ist einfach nicht der beste Tag zum Konzentrieren. Das darf sein. Denn Konzentration lässt sich nicht einfach auf Knopfdruck einschalten. Wir können aber gemeinsam mit unseren Kindern herausfinden, was ihnen hilft, ihren „Taschenlampenstrahl“ auf die richtige Stelle zu richten.
Und vielleicht wird aus dem Satz „Jetzt konzentrier dich doch mal!“ irgendwann eine ganz andere Frage: „Was würde dir gerade helfen, dich besser zu konzentrieren?“

Doreen Meyer ist Lerncoach, Kinder- und Jugendcoach sowie Elterncoach und Mutter von zwei Töchtern
https://alltagsreise.de/

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Google Maps. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen