Gänseküken Auf Baumstamm
© Mircea Costina – stock.adobe.com
Familienleben

Gänsekindergarten

27.11.2025

Mit einem Kind gibt es viel zu entdecken. Unserer Tochter entgeht wirklich nichts. 

Vor einer Weile waren wir im Park spazieren. „Mama, schau mal! Ich wundere mich… Warum sind die zwei Gänsebabys da viel größer als alle anderen? Hä?“. Ich schaue genauer hin. Und tatsächlich – zwischen den Gänsekindern sind zwei, die eindeutig größer sind und anders aussehen als die anderen. Auch ich beginne zu staunen: das sind richtig viele Küken! 

Ich zähle – und das ist gar nicht so einfach ist bei dem Gewusel – so um die dreißig, begleitet von vier erwachsenen Tieren. Das können doch nicht alles deren Kinder sein? Das wären ja ca. 15 pro Paar? 

Ich befrage die allwissende Tante Google und erfahre nicht nur, dass Gänseküken „Gössel“ heißen, sondern auch, dass manche Gänse (und auch Entenarten) so etwas wie „Kindergärten“ für ihren Nachwuchs bilden: mehrere Gänseeltern übernehmen die Betreuung eigener und fremder Gössel, sodass wenige Erwachsene mit sehr vielen (und dann eben auch teils anders aussehenden) Küken zu sehen sind. 

Die Gänsekinder erfahren auf diese Weise Schutz und Zusammenhalt. Sie lernen, indem sie die Verhaltensweisen der anderen imitieren: fliegen, grasen, schwimmen. Und die anderen erwachsenen Gänse gehen auf Nahrungssuche, während ihr Nachwuchs im Kindergarten ist.

Das wünsche ich mir auch für uns Menschen: das nicht nur Mütter und Väter Verantwortung für die „Brut“ übernehmen, sondern diese in noch größerem Rahmen geteilt wird: „echte“ oder Wahl-Großeltern erzählen Geschichten von früher und lehren, was sie vom Leben wissen, Patenonkel und -tanten erweitern den Horizont und sind da und ansprechbar, wenn es Probleme gibt, Nachbarn und befreundete Familien unterstützen sich gegenseitig, wenn mal wieder der Wurm drin ist, weil Notbetreuung, Kind oder Kollegen krank oder kurzfristig ein dringender Termin reingekommen ist, der sich nicht verschieben lässt. Kurz: dass wir das Aufziehen von Kindern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ansehen.

„Seht euch die Vögel an!“, soll Jesus mal gesagt haben. Ob er dabei auch an die Gänse gedacht hat? Auf jeden Fall hat er Menschen zusammengebracht und angeleitet, aufeinander zu achten und füreinander zu sorgen.

Die Gänse haben mir bei dem Spaziergang gezeigt, wie lohnend es ist, sich zusammen zu rotten und Banden zu bilden, „Caring Communities“, die füreinander da sind und sich gegenseitig unterstützen. Dass wir ein bisschen mehr wie die Gänse werden – das wünsche ich mir.

Autorin:
Janina Franz ist Pfarrerin der Ev. Gesamtkirchengemeinde Gießen Ost und dort u.a. für die Arbeit mit Kinder und Familien und die beiden Familienzentren zuständig.
giessen-ost.de

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