
In meiner Praxis haben häufig schwangere Frauen oder Eltern mit ihren Säuglingen erstmals Kontakt mit einer osteopathischen Behandlung. Ich stelle immer wieder fest, dass Unsicherheiten aber auch Skepsis bezüglich der Osteopathie bestehen.
Was ist Osteopathie?
Vor 140 Jahren erkannte und benannte der amerikanische Arzt Dr. Andrew Taylor Still die Prinzipien der Osteopathie. Seit jener Zeit hat sich die Osteopathie kontinuierlich weiterentwickelt, in den USA, ebenso wie in Europa und anderen Teilen der Welt.
Osteopathie ist eine eigenständige Form der Medizin, die dem Erkennen und Behandeln von Funktionsstörungen dient. Die osteopathische Behandlung erfolgt ausschließlich mit den Händen. Ziel ist es über Palpation die Auslöser von Beschwerden zu finden und zu behandeln. Die Patientin wird in ihrer Gesamtheit betrachtet in ihrer körperlichen Einheit auf allen Ebenen (Organe, Muskeln, Knochen und das craniosakrale System). Eine wichtige Verbindung hierbei spielen die Faszien. Das sind dünne Bindegewebshüllen die jede Struktur im Körper umgeben. Faszien verbinden auch Strukturen die funktionell nichts miteinander zu tun haben. Dies erklärt, warum Beschwerden oft an anderen Stelle auftreten als die Ursache zu finden ist.
Osteopathie in der Frauenheilkunde
Zur Spezialisierung im Bereich osteopathische Frauenheilkunde kam ich über die Behandlung meiner kleinsten Patienten und den schwangeren Frauen. Die Mütter erzählten von ihren Problemen schwanger zu werden, ihren Geburten und den körperlichen Problemen danach. Sie litten unter anderem an Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), Harninkontinenz oder Rückenschmerzen nach einem Kaiserschnitt.
Das Becken der Frau unterliegt höchsten Belastungen, sei es durch Schwangerschaft, Geburt, Menstruation, Menopause oder durch psychische und emotionale Probleme. Dies kann zu funktionellen Problemen im ganzen Körper der Frau führen. Ich beurteile den Beckenboden, die im sogenannten kleinen Becken befindlichen Organe und den eventuell vorhandene Narben (zum Beispiel Sectionarbe, Dammschnittnarbe usw.). Nach dem Befund führe ich an den betroffenen Stellen eine Behandlung durch. Ich gebe der Struktur, soweit dies möglich ist, ihre ursprüngliche Bewegung zurück. Nicht nur das Becken der Frau kann osteopathisch behandelt werden sondern auch die weiblichen Brust. Hier kann beispielsweise die Brust bei wiederkehrenden Brustentzündungen ohne Befund unterstützend behandelt werden oder eine Frau mit Mammakarzinom begleitend zur Krebstherapie osteopathisch behandelt werden.
Ich war und bin immer wieder überrascht wie sehr frauenspezifische urogenitale Beschwerden einem Tabu unterliegen, von Scham behaftet sind und Schmerzen als nicht relevant abgetan werden. Frauen haben oftmals einen langen Leidensweg hinter sich. Aus diesem Grund ist es mir ein Anliegen mit diesem Artikel ein wenig dazu beizutragen, dass es Anlaufstellen bei frauenspezifischen Beschwerden gibt.
Gut zu wissen
Für alle Leserinnen welche wissenschaftliche Arbeiten über Osteopathie lesen möchten: Ostlib ist eine unabhängige und kostenfreie Datenbank für osteopathische Studien und Fachartikel.
Autorin:
Kerstin Siegert ist Osteopathin und seit 2020 in ihrer eigenen Praxis in Lich tätig. Neben der „klassischen“ Osteopathie ist sie speziell in der osteopathischen Behandlung von Säuglingen, Kindern und Frauen aus- und fortgebildet.
osteopathie-siegert.de
