Grafik: Mutter und Tochter sitzen auf dem Boden und reden miteinander
Familienleben

Elternsein zwischen Scheitern und Stärke

21.06.2025

Fehler machen ist in Ordnung. Fehler machen ist sogar gewollt. Das klingt in der Theorie oft gut, irgendwie logisch. Denn Fehler gehören zum Lernen, zur Entwicklung – das erzählen wir unseren Kindern ja auch ständig. Aber wenn wir dann selbst mitten im Alltag stecken, zwischen Brotdose, Schule, Team-Meeting und einem nicht enden wollenden Wäscheberg, dann fühlt sich das ganz anders an.

Dann kippt das Glas vom Tisch, obwohl du doch gerade noch gesagt hast: „Pass bitte auf!“ Und es platzt aus dir heraus: „Mensch, wie oft denn noch?“ Und dieser Satz, dieser Blick – für einen Moment ist die Verbindung weg.

Fehler trennen nicht – Reaktionen schon
Denn oft ist es erst unsere Reaktion, die dem Kind vermittelt, dass es etwas falsch gemacht hat. Nicht der Fehler selbst, sondern unsere Enttäuschung, unser Ärger, unsere Distanz. Und plötzlich denkt ein kleiner Mensch: „Ich bin falsch. Ich bin zu viel.“

Wenn sich der Sturm gelegt hat – im Innen wie im Außen – dann klopft es an: das schlechte Gewissen. „Warum hab‘ ich so reagiert?“ oder „Ich will doch anders sein. Ich will es besser machen.“
Diese Gedanken sind kein Zeichen von Scheitern. Sie sind eine Einladung hinzuschauen: Was hat mein Kind in dem Moment gebraucht? Was habe ich gebraucht? War es wirklich der umgekippte Saft, der mich so aus der Fassung gebracht hat – oder das Chaos in meinem Kopf?

In solchen Momenten reagieren Eltern oft aus dem Autopilot. Nicht aus dem Wunsch heraus, sein Kind klein zu machen oder gemein sein zu wollen. Oft ist es Stress, Überforderung, Erschöpfung – und alte Prägung. Vielleicht, weil man selbst in der eigenen Kindheit gelernt hat: Fehler bedeuten Schuld, Scham, Ärger oder Ablehnung.

Zusammen lernen
Ein Fehler kann ein Startpunkt sein für ein echtes Gespräch. Für Nähe, Wachstum und echtes Lernen – auf beiden Seiten. Wenn wir Erwachsenen es schaffen, den Fehler nicht als Makel zu sehen, sondern als Teil des Weges, dann kann ein Kind erleben: Ich darf Fehler machen. Ich bin trotzdem geliebt. Ich bin trotzdem richtig.

Der Blick zurück – der Blick nach vorn
Unsere eigenen Erfahrungen als Kinder sitzen tief. Sie tauchen genau in diesen Momenten auf. Wenn wir wütend sind. Genervt. Müde. Wenn wir „blind“ reagieren. Wenn unsere eigenen kindlichen Wunden plötzlich wieder anklopfen.

Aber wir haben die Chance, das zu verändern. „Cyclebreaker“ nennt man das: Den Kreislauf unterbrechen. Neue Wege gehen. Nicht perfekt – aber bewusst. Nicht perfekt – aber verbunden.

Was Kinder wirklich brauchen
Ein Kind braucht in dem Moment eines Fehlers nicht die perfekte Reaktion. Es braucht Nähe. Verständnis. Vielleicht eine Umarmung. Vielleicht einfach nur, dass du da bist und es aushältst. Die Tränen. Die Enttäuschung. Die Wut. Auch deine eigene.

Und wenn du es mal verbockst – richtig verbockst – dann ist auch das kein Weltuntergang. Denn es gibt da etwas unglaublich Wertvolles, das du tun kannst: Du kannst dich entschuldigen. Ehrlich. Auf Augenhöhe.

Du zeigst damit deinem Kind: Auch große Menschen machen Fehler. Und du übernimmst Verantwortung.

Perfekt unperfekt. Echt. Menschlich. Verbindend.

Unsere Kinder brauchen keine Eltern, die immer alles im Griff haben. Sie brauchen Eltern, die fühlen. Die lernen. Die wachsen. Die sich selbst hinterfragen. Und die zeigen: Ich bin für dich da – bei Sonne, Regen und Sturm.

Verbindung entsteht nicht durch Perfektion. Verbindung entsteht durch Echtheit. Durch das gemeinsame Lernen. Durch Nachsicht. Auch mit uns selbst.

Denn genau das macht uns stark. Auch – oder gerade – wenn wir stolpern, hinfallen und wieder aufstehen.

Lisa Raineri und Tania Conde

Autorinnen:
Lisa Raineri und Tania Conde – Lisa bringt ihre langjährige Praxis als Erzieherin und Kitaleitung mit; zusätzlich ist sie in Autismusförderung fortgebildet. Tania ist Mama von zwei wunderbaren Kindern, Erziehungswissenschaftlerin, systemische Coach und Familienaufstellerin.
www.familiy.emotival.com

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